Knorpelchirurgie
Die Gleitflächen der Gelenke bestehen aus Gelenkknorpel, der durch seine Elastizität die Gelenkbelastungen reduziert.
Die Belastungsfähigkeit der Knorpelflächen ist individuell sehr unterschiedlich. Belastungen z.B. durch Stop-and-go Sportarten (Tennis, Fußball etc.) oder Übergewicht führen bei manchen Patienten schon sehr schnell zu Schäden an den Gelenkflächen, während andere diese Belastungen über Jahrzehnte ohne Ausbildung eines Gelenkschadens tolerieren. Schäden an den Knorpelflächen des Gelenkes können außer durch Verschleiß auch durch Unfälle, Gelenkfehlstellungen und andere Gelenkschäden, wie zum Beispiel Meniskusschäden, Bandschäden, freie Gelenkkörper etc. entstehen.
Ein Knorpelschaden heilt in der Regel nicht von selbst, sondern hat die Tendenz größer zu werden und die gegenüberliegende Gelenkfläche ebenfalls zu schädigen. Ein Knorpelschaden ist der Beginn einer Arthrose (Gelenkverschleiß).
Knorpelschäden werden in der Regel in vier Schweregrade eingeteilt:
Knorpelschäden I. und II. Grades: Eine operative Behandlung ist nicht erforderlich. Es liegen lediglich – wahrscheinlich reversible – Schäden der Knorpelzellstruktur vor. Man spricht bei stärkerer Schädigung II. Grades von “Wasserbettknorpel” oder von “Styroporknorpel”, wobei in der Regel noch keine Schädigung der sehr dünnen Knorpeloberflächenschicht eingetreten ist. Diese Knorpelschäden werden konservativ z.B. mit einem gezielten Muskelaufbautraining unter krankengymnastischer Aufsicht behandelt, um eine optimale muskuläre Führung und somit eine Entlastung des Gelenkes zu erreichen. Außerdem kann es sinvoll sein, eine Injektionstherapie z.B. mit Hyaluronsäure und/oder eine medikamentöse orale Therapie durchzuführen. Sollten diese leichten Knorpelschäden aber der Beginn einer Arthrose, z.B. durch eine Achsfehlstellung oder eine Instabilität des Gelenkes sein, so sollten diese, als Ursache des Knorpelschadens anzusehenden Vorschäden, behandelt werden.
Knorpelschäden III. Grades gehen mit einer Schädigung der Makrostruktur der Knorpelflächen einher. Das heißt, dass man diese Schäden schon mit bloßen Augen erkennen kann: es handelt sich hierbei um Knorpelaufbrüche, die nicht bis auf den darunterliegenden Knochen reichen. Es bleibt also eine mehr oder weniger dicke Knorpelschicht über dem Knochen, auch nach operativer Entfernung der instabilen Knorpelanteile und Glättung der Restknorpelschicht. Durch die operative Behandlung kommt es in der Regel hierbei zu einer Defektheilung mit Ausbildung einer dünnen Faserknorpelschicht über der ausgedünnten Gelenkknorpelschicht oder einer narbigen Heilung der restlichen Gelenkknorpelschicht. Die neue Knorpelschicht ist in Grenzen belastbar, der operierte Patient in der Regel beschwerdefrei, das Gelenk ist aber minderbelastbar, vor allem für sportliche Tätigkeiten.
Knorpelschäden IV. Grades sind schwere Gelenkschädigungen, bei denen es zu einer völligen Zerstörung der Knorpelschicht mit freiliegendem Knochen gekommen ist. Man unterscheidet umschriebene, begrenzte Defekte, mit mehr oder weniger gesundem Knorpel um den betroffenen Bezirk herum und flächige Defekte mit Aufbrauch großer Teile der Gelenkfläche. Während die umschriebenen Läsionen vorwiegend durch Unfälle oder umschriebene Ernährungsstörungen des Knorpel-Knochenverbundes (z.B. Osteochondrosis dissecans) entstehen, sind die flächigen Schäden Ausdruck eines Gelenkverschleißes (Arthrose).

Knorpelschaden Grad IV mit
freiligendem Knochen
Behandlungsprinzipien
Die am weitesten verbreiteten Methoden zur operativen Therapie IV.gradiger Knorpelschäden sind das Anfräsen (Abrasio), Anbohren (Drill) oder Aufbrechen (Microfracture-Technik) der meist verhärteten Knochenflächen (Hypersklerose).
Der Vorteil dieser Methode ist, dass sie arthroskopisch und in einem Arbeitsgang durchzuführen ist, ferner eignet sie sich auch für Arthrosen, falls die gegenüberliegende Gelenkfläche keinen IV.-gradigen Knorpelschaden aufweist.
Der Nachteil dieser Methode ist, dass sich nur eine Faserknorpelschicht bildet, die nicht so belastbar ist wie der normale Gelenkknorpel (hyaliner Knorpel).
Eine weitere OP-Methode ist die sog. Mosaikplastik oder auch Knorpel-Knochen Transplantation. Hierbei werden aus dem Bereich wenig belasteter Gelenkanteile, wie z.B. den Rändern des Kniescheibengleitlagers, runde Knorpel-Knochenzylinder entnommen und diese nebeneinander in den Defektbezirk eingesetzt (Pflasterstein- oder Mosaikverfahren).
Vorteil dieser Methode ist die arthroskopische und in einem Arbeitsgang mögliche Durchführbarkeit.
Nachteile liegen bei diesem Verfahren in den Defekten, die man an der Entnahmestelle setzt. Ferner wird die sich bildende neue Gelenkfläche nicht nur aus gutem Gelenkknorpel, sondern auch aus minderbelastbarem Faserknorpel bestehen. Diese OP Methode eignet sich nicht für stark vorgeschädigte Gelenke mit Arthrose.
Basierend auf den Arbeiten einer schwedischen Forschergruppe gibt es seit kurzer Zeit ein Verfahren, bei dem in einer ersten (arthroskopisch möglichen) OP an wenig belasteten Gelenkstellen mit einem speziellen Instrument “Schnipsel” von gesundem Knorpel entnommen wird. Der entnommene Knorpel wird in ein Labor geschickt, in dem innerhalb von etwa 4 Wochen die entnommenen Knorpelzellen einer technischen Manipulation unterzogen werden, die es ermöglicht, dass die sonst kaum noch teilungsfähigen Knorpelzellen sich stark vermehren (Anzüchtung von Knorpelzellen).
In einer 2. offenen Operation wird dann der bestehende Knorpeldefekt mit einem Knochenhautlappen übernäht und die angezüchteten Knorpelzellen in den entstandenen Hohlraum injiziert.
Vorteil des Verfahrens ist die Möglichkeit, dass sich wieder echter Gelenkknorpel bildet.
Nachteile der Methode sind das aufwendige, zweizeitige operative Vorgehen mit der Notwendigkeit eines offenen Eingriffs sowie der unsichere OP-Erfolg, über den es in der Fachwelt sehr unterschiedliche Meinungen gibt. Ferner ist das Verfahren nicht in allen Gelenken sowie Gelenkabschnitten und nicht bei Arthrose durchführbar. Langzeitergebnisse gibt es noch nicht. Die hohen Kosten, die von vielen Versicherungen nicht übernommen werden, erschweren die Entscheidung für diese OP-Methode zusätzlich.
Nachbehandlung
Patienten mit Knorpelschäden bedürfen für den Wiederaufbau der – durch Schonung – geschwächten Muskulatur einer adäquaten krankengymnastischen Nachbehandlung. Auch bei Einsatz der modernen arthroskopischen Techniken sollte eine Entlastung an Gehstützen zur Unterstützung der Knorpelheilung durchgeführt werden. Patienten mit Knorpelschäden II. Grades benötigen Unterarmgehstützen für einige Tage, bei Knorpelschäden III. Grades 2-6 Wochen, bei Knorpelschäden IV. Grades in Abhängigkeit vom durchgeführten Verfahren 8-12 Wochen.
Im Weiteren kommt es nach der Operation darauf an, verschleißfördernde Faktoren zu erkennen und, wo möglich, abzuändern. Hierzu gehören: Übergewicht, gelenkbelastende Sportarten, Achsfehlstellungen, gelenkbelastende Arbeiten etc.
Arbeitsfähigkeit
Nach arthroskopisch-chirurgischer Knorpelbehandlung besteht für Büroarbeiter eine Arbeitsunfähigkeit von ca. 2 Wochen, für körperliche Arbeiten entsprechend länger und natürlich solange Gehstützen benutzt werden.
Zusammenfassung
Es gibt also bei Knorpelschäden abgestufte Behandlungsmöglichkeiten. Sollte schon ein Knorpelschaden IV. Grades vorliegen rate ich meinen Patienten zunächst, falls die gegenüberliegende Gelenkfläche nicht auch schon IV.-gradig geschädigt ist, zu einer Mikrofrakturierung oder einer Abrasionsarthroplastik, die sofort beim ersten Eingriff durchgeführt werden kann. Wenn noch weiterhin Knieschmerzen verbleiben, kann man in Abhängigkeit vom Gelenkbefund eine weitere Operationen durchführen. Bei schweren Arthrosen und bei fortgeschrittenem Lebensalter kann es aber für den Patienten sinnvoller sein sich einer Gelenkersatzoperation zu unterziehen.
Die operative Behandlung von Knorpelschäden aller Art kann ein Gelenk nicht belastbarer machen als es von Natur aus ist; d.h., Überbelastungen z.B. durch stop-and-go-Sport oder Übergewicht, die zu einer operationspflichtigen Knorpelschädigung geführt haben, werden auch nach einer OP vom Gelenk nicht dauerhaft toleriert!
In jedem Fall ist eine lange Heilungszeit – je nach Art des Schadens 1-14 Monate – mit entsprechender Rehabilitationsphase von mindestens 3 Monaten und Teilentlastung des operierten Beines – je nach Art des Schadens 1-12 Wochen – einzuplanen.
