» Sulcus-ulnaris-Syndrom

Sulcus-ulnaris-Syndrom


Wie kommt es zu einer Druckschädigung am Ellenbogen?

Der Ellennerv (Nervus ulnaris) verläuft am Ellenbogengelenk innenseitig in einer recht engen, knöchernen Rinne. Diese Rinne bezeichnet der Arzt auch als Sulcus. Vielen Menschen ist diese Stelle aus eigenem Erleben wohl vertraut. Bei einem heftigen Stoß an dieser Stelle kommt es zu elektrisierenden Schmerzen. Darum wird diese Region auch als ?elektrischer Knochen? oder ?Musikantenknochen? im Volksmund bezeichnet.
Der in dieser Knochenrinne verlaufende Nerv kann durch Brüche, Verschleißerkrankungen oder auch durch einen chronischen Druck auf diese Stelle geschädigt werden.
Bei manchen Menschen trägt auch eine anatomische Veränderung am Ellenbogengelenk (sog. X-Ellenbogen) zu einem ständigen Zug am Nerven und damit zu einer Schädigung dieses Nerven bei.

Ist es möglich, dass eine im Jugendalter durchgemachte Fraktur am Ellenbogen im Alter von vierzig Jahren oder später zu einer Nervenschädigung am Ellennerven führt?
Ja. Gerade Brüche am Ellenbogengelenk, die in der Wachstumsperiode (Kindes- und Jugendalter) stattfinden, führen langfristig zu einer Verformung im Bereich des Ellenbogens. Der Druckschaden am Ellennerven (Nervus ulnaris) kann sich sehr langsam über viele Jahre und Jahrzehnte entwickeln. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Brüche im Kindesalter, die den Ellenbereich betrafen, sich in der zweiten Lebenshälfte als Störung der Ellennervenfunktion bemerkbar machen.

Durch welche Symptome macht sich eine Schädigung des Ellennerven bemerkbar?

Meist bemerken die Betroffenen Missempfindungen am Ring- und Kleinfinger. Diese Missempfindungen werden anfänglich durch Belastungen des Armes oder durch Auflegen des Armes auf die Innenseite des Ellenbogens ausgelöst. Später sind die Missempfindungen dauerhaft vorhanden. Schreitet die Krankheit weiter fort, so treten auch motorische Störungen auf. Hier fällt den Betroffenen meistens auf, dass der Kleinfinger nicht mehr richtig an- oder abgespreizt werden kann, auch tritt ein Gefühl einer Handschwäche auf.

Warum sind bei dieser Nervenstörung nicht die ganze Hand, sondern nur der Ring- und Kleinfinger von den Missempfindungen betroffen?

Die menschliche Hand wird von mehreren Nerven mit Gefühl versorgt.
Der Daumen, Zeige-, Mittel- und der halbe Ringfinger werden vom Nervus medianus (Mittelnerven) mit Gefühl versorgt.
Der Nervus ulnaris (Ellennerv) versorgt hingegen den Kleinfinger und die dem Kleinfinger zugewandte Seite des Ringfingers mit Gefühl.
Bei einer wie auch immer gearteten Schädigung des Ellennerven (Nervus ulnaris) ist daher nur dieses Hautareal von Gefühlsstörungen betroffen.

Kann man sich sicher sein, dass bei Missempfindungen am Ring- und Kleinfinger eine Druckschädigung am Ellennerven vorliegt?

Nein. Eine exakte Diagnose kann nur durch eine ärztliche Untersuchung gesichert werden. Als Ergänzung zu einer klinischen Untersuchung ist hierzu oft auch eine Untersuchung und Messung durch einen Nervenarzt erforderlich. Missempfindungen am Ring- und Kleinfinger werden zwar häufig durch Schäden am Ellennerven ausgelöst und es spricht auch für einen solchen Schaden, wenn die Beschwerden zum Beispiel durch Aufstützen auf den Ellenbogen verstärkt werden. Dennoch kommen mehrere andere Erkrankungsursachen für Missempfindungen am vierten und fünften Finger in Betracht.
So kann der Ellennerv auch im Bereich des Handgelenkes eingeengt sein. Einengungen oder Irritationen des Armnervengeflechts in Höhe des Schlüsselbeines führen ebenfalls zu Missempfindungen am vierten und fünften Finger. Nicht zuletzt führen auch Abnutzungserscheinungen im unteren Bereich der Halswirbelsäule zu ähnlichen Symptomen.

Muss jede Druckschädigung am Ellennerven operativ behandelt werden?

Nein. Gerade im Anfangsstadium der Erkrankung genügt es, die auslösenden Belastungen zu vermeiden. Konkret gesagt, ist es sinnvoll z. B. den Kopf nicht auf den gebeugten Arm zu stützen oder den Arm beim Autofahren nicht aus dem Fenster zu legen. Selbst die Vermeidung lang dauernder Beugung des Ellenbogens hilft im Frühstadium dem geschädigten Nerv.

Ist eine Injektionsbehandlung mit Cortison hilfreich?

Am Nerv selbst ist eine Cortisoninjektion nicht hilfreich sondern gefährlich.
Sinnvoll hingegen kann eine Cortisoninjektion sein, wenn neben der Schädigung des Ellennerven auch ein sog. ?Golferellenbogen? vorliegt. Bei diesem Krankheitsbild leiden die Menschen am inneren Ellenbogen – außerhalb der Ellenrinne – unter recht unangenehmen, lokalen Schmerzen. Diese werden durch degenerative Veränderungen der hier entspringenden Sehnen verursacht.

Was geschieht, wenn eine Druckschädigung des Nerven am Ellenbogen nicht behandelt wird?

Der Ellennerv (Nervus ulnaris) vermittelt das Hautgefühl am Ring- und Kleinfinger. Darüber hinaus steuert er jedoch auch eine Vielzahl von kleinen Handmuskeln. Bei sehr lange bestehendem Krankheitsbild reduziert sich das Hautgefühl am Ring- und Kleinfinger immer weiter. Wesentlich schlimmer ist jedoch der motorische Ausfall. Die kleinen Handmuskeln fallen in ihrer Funktion mehr und mehr aus. Es entsteht eine sehr unangenehme Funktionsstörung, die an das Bild einer Vogelkralle erinnert. Der Arzt spricht hier auch von einer Krallenhand.

Kann auch im Fall einer fortgeschrittenen Lähmung die Operation noch helfen?

Die Erfolgsaussichten in einem Fall einer fortgeschrittenen Lähmung sind sehr begrenzt. Wird eine Muskulatur längere Zeit nicht in Gebrauch genommen, so wandelt sie sich allmählich in Bindegewebe um. Selbst wenn die Nervenschädigung beseitigt wird, kann dann die Muskulatur nicht mehr funktionstüchtig sein.
Daher ist es sehr wichtig, dass der Zeitpunkt der Operation optimal gewählt wird. Eine zu frühe Operation kann unnötig sein, eine zu späte Operation hat auch bei völlig richtiger Operationstechnik kein gutes Resultat mehr. Dennoch kann eine solche Operation im Spätstadium sinnvoll sein, um noch vorhandene Restfunktionen des Nerven zu bewahren!

Wann sollte eine Operation erwogen werden?

Zunächst ist vor jeder operativen Behandlung die zweifelsfreie Sicherung der Diagnose durch einen Arzt erforderlich. Es versteht sich von selbst, dass ein Eingriff am Ellenbogen sinnwidrig ist, wenn die Ursache der Nervenstörung am Handgelenk oder im Bereich der Halswirbelsäule vorliegt.
Die Operation sollte konkret erwogen werden, wenn eine oder mehrere der folgenden Situationen vorliegen:

  • Wenn unter konservativer Therapie keine Besserung oder gar eine Verschlechterung der Symptome zu beobachten ist.
  • Wenn die Sensibilitätsstörungen (Missempfindungen am vierten und fünften Finger) längerfristig verbleiben.
  • Wenn eine Schwäche oder gar ein völliger Ausfall der vom Ellennerven versorgten Muskeln der Hand vorliegt (z. B. ?Krallenhand? oder Schwäche der An- und Abspreizfähigkeit der Finger.
  • Immer sollte operativ behandelt werden, wenn ein Druck auf den Ellennerven durch einen Tumor verursacht wird.

Was wird bei der operativen Behandlung gemacht?

                         

               

Um den Musikantenknochen an der Innenseite des Ellenbogens wird ein leicht bogenförmiger Schnitt angelegt. Je nach notwendigen Einzelmaßnahmen kann dieser Schnitt bis zu zehn Zentimeter lang sein. Der operierende Arzt befreit dann den eingeschnürten Ellennerven in der Ellenrinne (Sulcus) von allen auf ihn drückenden Strukturen.Selten ist eine zusätzliche Maßnahme notwendig. Diese besteht darin, dass man den Ellennerven aus der Rinne heraus nimmt und in ein neues Bett nach vorne verlagert. Dies ist insbesondere dann notwendig, wenn Brüche, degenerative Veränderungen in der Ellenrinne oder eine anatomische Fehlstellung des Ellenbogens im Sinne eines X-Ellenbogens bestehen.

Welche Risiken hat die Operation?

An dieser Stelle können naturgemäß keine individuellen Risiken genannt werden, da diese von Mensch zu Mensch variieren. Allgemeine Risiken können jedoch aufgezählt werden:

  • Bei der Operation kann es unbeabsichtigt zu Verletzungen am Ellennerven selbst kommen. Dies würde zu beträchtlichen Störungen der Handfunktion und zu einem sehr schmerzhaften Elektrisieren an der Verletzungsstelle führen.
  • Häufiger kommen hingegen Verletzungen kleinerer, im Operationsgebiet verlaufender Hautnerven vor. Diese Verletzungen hinterlassen oft störende Missempfindungen im Operationsgebiet.
  • Des weiteren müssen als Operationsrisiko Entzündungen der Operationsnarben oder Nachblutungen genannt werden. Diese Komplikationen würden in der unmittelbaren Phase nach der Operation zu einem erneuten Eingriff zwingen.
  • Darüber hinaus muss darauf hingewiesen werden, dass generell Narben in der Nähe eines Nerven recht lange empfindlich sind. Hier ist mit einer empfindlichen Narbe an der Innenseite des Ellenbogens zu rechnen, die rund sechs bis neun Monate etwas verbreitert und auch recht berührungs- und druckempfindlich ist.

Welche Betäubung ist für den Eingriff notwendig?

Wir führen den Eingriff in Vollnarkose durch. Es ist dadurch möglich, den Arm problemlos zu lagern. Der Patient spürt von der ganzen Operation nichts. Durch die neuen Medikamente sind die bekannten Folgen einer Vollnarkose wie Übelkeit und Erbrechen deutlich verringert worden.

Kann die Druckschädigung am Ellennerven erneut auftreten?

Dies ist nicht auszuschließen. Eine erneute Nervenschädigung kann zum Beispiel durch zu starke Narbenbildung im Operationsgebiet erneut wiederkommen. Auch ist es möglich, dass der nach vorne verlagerte Nerv in seine alte Engstelle zurückrutscht. Wir selbst vermindern dieses Risiko durch Ruhigstellung des Ellenbogens in einem Oberarmgips für rund vierzehn Tage.

Wann kann man nach durchgeführter Operation wieder belasten?

Die meisten Betroffenen führen nach Entfernen der Fäden (nach rund vierzehn Tagen) eigentätige Übungsbehandlungen durch Beugung und Streckung des Ellenbogengelenkes aus. Hier kann es auch hilfreich sein, sich in eine Badewanne zu legen und den operierten Arm schwebend in warmem Wasser zu beugen und zu strecken. Eine volle Belastung ist in der Regel nach rund 6 Wochen möglich. Jedoch gilt auch dann, ein Aufstützen oder eine besondere Belastung der Narbe zu vermeiden.

Wann ist mit einer Erholung der gestörten Nervenfunktion zu rechnen?

Dies ist individuell höchst verschieden:
Es gibt Patienten die berichten, dass ihre Missempfindungen am Ring- und Kleinfinger bereits wenige Tage nach der Operation verschwunden sind. Die Mehrzahl der Patienten berichtet – meist am Ringfinger – einige Tage nach der Operation über eine Besserung, jedoch nicht über eine Normalisierung der Missempfindungen.
Häufig ist das Endresultat der Operation erst nach sechs bis neun Monaten zu beurteilen.
Ich möchte in diesem Zusammenhang hervorheben, dass kein Arzt versprechen kann, dass ein geschädigter Nerv sich nach der Operation auch wirklich erholt. Der Arzt kann bei einem geschädigten Ellennerven zwar den Druck vom Nerven beseitigen und den Nerv auch evtl. in eine günstigere Position verlegen; er kann jedoch nicht die eigentliche Nervenregeneration bewirken. Dies kann nur die Natur eines jeden einzelnen Betroffenen machen. Aus diesen Gründen kann ein Operationsresultat im Einzelfall auch niemals präzise vorhergesagt werden!

Wer führt die Nachbehandlung durch?

Die Nachbehandlung wird vom operierenden Arzt selbst durchgeführt.

Powered by WordPress